Berliner Strategie zur Biologischen Vielfalt

Die Grüne Lunge Berlins: Der Große Tiergarten

Egal ob in der Stadt oder auf dem Land, eine grüne Umgebung ist essentiell um glücklich zu sein. Dieser Stellenwert geht aus der aktuellen Naturbewusstseinsstudie des Bundesamtes für Naturschutz hervor. Fast jeder Dritte Deutsche lebt mittlerweile in einer Großstadt. Je urbaner Deutschland wird, desto sehnsüchtiger scheint der Blick auf Wiesen und Wälder zu sein. Dabei wird der Stadtnatur, mit seinen Grünflächen, eine entscheidende Rolle als Beitrag zur Lebensqualität attestiert. Auch Berlin ist grün. Mit knapp 60% Grünflächenanteil innerhalb der Stadtgrenze hat jeder Berliner rein rechnerisch 150 Quadratmeter zur Verfügung. Diese für Großstädte vergleichsweisen hohen Anteile des „Grüns“ sind identitätsstiftend für Berlin. Nach der Naturbewusstseinsstudie steht das Wohlbefinden der Menschen in der innerstädtischen Natur an erster Stelle. Doch Stadtnatur darf nicht nur dem Selbstzweck dienen.

Berlin ist artenreich - aber die Lebensräume schwinden

Mit mehr als 20.000 Tier- und Pflanzenarten ist Berlin ein überaus artenreicher Lebensraum. Neben der Faszination für diese Artenvielfalt birgt diese aber auch eine Verantwortung in sich. Daher gilt es, die Stadtnatur mit der Gesamtheit des biologischen Reichtums zu schützen und zu fördern. Um diese Ziele zu konkretisieren entstand, neben einer „Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt“ auf Bundesebene, eine an die Stadt angepasste „Berliner Strategie zur Biologischen Vielfalt“, welche auf den Senatsbeschluss vom März 2012 datiert. Darin werden zum einen die Inhalte der Nationalen Strategie Deutschlands aufgegriffen und zum anderen ein stärkerer Bezug zu Arten und Lebensräumen in Berlin hergestellt.

Stadtnatur muss fester Bestandteil der Stadtplanung sein

Die Berliner Strategie befasst sich in einem ersten Schritt mit der Wissensvermittlung, Bedeutung und Gefährdung von biologischer Vielfalt. Dass diese in ihrer Funktion nicht nur stark beeinträchtigt, sondern auch rückläufig ist, belegen diverse Monitoring-Programme (z.B. Tagfalter-Monitoring Deutschland) und Rote Arten Listen. Neben dem Erkennen des Handlungsbedarfs sollen „planerische als auch traditionelle Instrumente des Arten- und Biotopschutzes“ zum Einsatz kommen. Das Landschaftsprogramm einschließlich Artenschutzprogramm (LaPro) ist ein solches Instrument. Neben Analyse und Bewertung des Zustandes von Natur und Landschaft sind ihre Entwicklungsziele ebenso mitinbegriffen. Damit wird die gesamtstädtische Flora, Fauna und der Biotopverbund auf allen Planungsebenen in die Stadtentwicklung mit einbezogen.

Natur in der Stadt - Honig von Berliner Dächern. Blick von der Auferstehungskirche

In die Berliner Strategie fließen insgesamt  38 übergeordnete Ziele in vier Themenfelder ein, welche inhaltliche Verbindungen zueinander aufweisen. Im ersten Themenfeld zu “Arten und Lebensräumen“ werden Naturlandschaften, historische Kulturlandschaften und typisch urbane Lebensräume eingebunden. Das Themenfeld der “Genetischen Vielfalt“ beschäftigt sich mit Nutz- und Zierpflanzen und Nutztieren als kulturelles Erbe. Hierbei geht es auch um eine Grundlage ihrer Nutzung für folgende Generationen. Auch der Appell „heimisches Pflanzmaterial“ statt „gebietsfremdes Saatgut und Pflanzen“ im naturnahen Umfeld zu verwenden, findet hier Beachtung.

Das darauffolgende Themenfeld zur “Urbanen Vielfalt“ behandelt die unterschiedlichen Lebensraumtypen von Grünflächen und urbanen Gärten bis zu Firmengeländen und Straßenbäumen. Im letzten Themenfeld rückt die “Gesellschaft“ und ihre Verantwortung zum Erhalt und Förderung der Biodiversität in den Vordergrund. Nur durch eine Beteiligung unterschiedlichster Akteure aus allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens und eine breitgefächerte Umweltbildung kann die Umsetzung der Zielvorgaben realisiert werden.

Berliner Biotopverbund-Zielarten

Als Teil der Berliner Strategie zur Biologischen Vielfalt ist der Berliner Biotopverbund zu sehen. Gesetzliches Ziel des Biotopverbundes ist die Bewahrung, Wiederherstellung und Entwicklung funktionsfähiger, ökologischer Wechselbeziehungen in der Landschaft auf mindestens 10 Prozent der Landesfläche. Durch die sogenannten Biotopverbund-Zielarten sollen Mitnahmeeffekte für ganze Organismengruppen entstehen. Die von Experten ausgewählten 34 Tier- und Pflanzenarten sind schützenswerte Repräsentanten der Gesamtheit der Biologischen Vielfalt Berlins. Sie sind im besonderem Maße auf räumliche und funktionale Verknüpfungen angewiesen. Durch deren Schutz können weitere Arten profitieren. Eine Darstellung finden die Zielarten in Form von Steckbriefen und Verbreitungskarten. Ausführliche Listen für die jeweiligen Organismengruppen bieten die Zielarten des Berliner Florenschutzes oder Rote Listen (Rote Liste und Gesamtartenliste der Bienen und Wespen von Berlin).

Unter den Zielarten Berlins befinden sich auch zwei Wildbienenarten. Eine Sand- und eine Mauerbiene stehen stellvertretend für die 317 Arten im Raum Berlin. Diese beiden Vertreterinnen werden im Folgenden kurz dargestellt.

Berliner Biotopverbund-Zielart: Die Graue Lockensandbiene

Berliner Biotopverbund-Zielart: Die Graue Lockensandbiene (Andrena nycthemera)

Flughafensee in Berlin Reinickendorf - eines der letzten Refugien der gefährdeten Wildbiene

Diese Frühlingsbotin ist in Europa weit verbreitet, jedoch selten geworden. Man findet sie vom Osten Frankreichs bis in die Ukraine und Kasachstan. Selbst in nördlicheren Gefilden bis Dänemark und Südschweden ist die kleine Sandbiene heimisch. Auch hierzulande ist sie zwar selten, aber weit verbreitet. Dabei gibt es keine Vorkommen in Schleswig-Holstein und Thüringen. Aus den Bundesländern Sachsen und Niedersachsen gibt es nur historische Nachweise. Speziell für Berlin, in der die Art nach der Roten-Liste als gefährdet eingestuft wird, gibt es aktuelle Meldungen aus der Kiesgrube Jagen 86 und der Lieper Bucht um Grunewald, sowie vom Flughafensee (Tegel), Butzer See (Kaulsdorf), Köppchensee (Niedermoorwiesen am Tegeler Fließ) und den Rieselfeldern in Blankenfelde.

Männliche Sandbiene mit der typischen Behaarung des Kopfschildes vor einem Nesteingang

Die Weibchen der Grauen Lockensandbiene erreichen eine Körpergröße von 12-14mm. Die auffälligen ausgebildeten grauen Lockenhaare an den Hinterschenkeln (Flocculus) sind namensgebend für die deutsche Artbezeichnung. Die 10-12mm großen Männchen sind insgesamt schlanker als die Weibchen und überwiegend weißlich lang behaart. Geschlechtsspezifisch wirkt die deutlich helle lange Behaarung auf dem Kopfschild (Clypeus) der Männchen wie ein Schnurrbart.   

Als Lebensraum benötigt Andrena nycthemera Offenland mit lückenhafter Vegetation und kleinen Abbruchkanten oder Steilwänden. Wie für die Gattung typisch ist sie dabei auf feste oder lockere sandige Substrate angewiesen. Sie nistet in kleineren Aggregationen an Wegen, Wegrändern, Sandauen und Sandheiden, auf Hochwasserdämmen sowie in Sand- und Kiesgruben. Ihre ursprünglichen Nistplätze in Flussauen existieren nicht mehr, daher musste sie auf andere Bereiche ausweichen. Ihre Nistgänge gräbt die Biene bereits ab Anfang Februar.

Weidengewächse als einzige Nahrungsquelle - hier ein Weidenkätzchen der Sal-Weide (Salix caprea)

Demnach ist sie eine der ersten Bienen im Jahr. Ihre Flugzeit erstreckt sich in einer Generation (univoltin) bis in den Juli hinein. Bevor sie Verproviantierungs- oder Paarungsflüge unternimmt verschließt sie stets den Nesteingang. Als sehr frühe Biene ist sie wie andere Arten (Andrena apicata, Andrena vaga oder Lasioglossum intermedium) auf Weidengewächse (Salicaceae) angewiesen. Dadurch dass sie sich aber nur auf diese Pflanzenfamilie als Pollenquelle bezieht, ist sie sehr stark abhängig von Weiden und Pappeln. 

Die Zerschneidung der Landschaft bedingt den Artenverlust - daher sind Sand- und Kiesgruben wichtige Lebensräume

Nicht nur unzureichende Weidenbestände machen der Lockensandbiene zu schaffen. Denn den parasitierenden Kuckucksbienen Frühe Wespenbiene (Nomada leucophthalma) und Sand-Blutbiene (Sphecodes pellucidus) dient sie als Wirt. Um wieder mehr Habitate in Anspruch nehmen zu können braucht die Graue Lockensandbiene  sandige, extensiv genutzte Uferbereiche an Fließ- und Standgewässern, Gruben, Abgrabungsstellen und Aufschüttungen mit Offensandbereichen. Da Flussbegradigungen und starke Regulierungen der Auendynamik weiter zunehmen, stellt diese Wildbienenart, als Biotopverbund-Zielart, eine Repräsentantin für eine Vielzahl anderer gefährdeter Wildbienenarten mit ähnlichen Ansprüchen in Berlin dar. Dabei ist nicht nur der Verlust der Lebensräume durch Baumaßnahmen eine Gefahr, sondern auch der Nutzungsdruck durch permanente Badestellen und Picknickplätze.

Literatur

Amiet, Felix & Krebs, Albert (2012): Bienen Mitteleuropas – Gattungen, Lebensweise, Beobachtung, Haupt Verlag, Bern, Stuttgart, Wien

Bellmann, H., & Helb, M. (2017). Bienen, Wespen, Ameisen. Kosmos - Naturführer, Stuttgart.

Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz (2012): Berlins Biologische Vielfalt, Berliner Strategie zur Biologischen Vielfalt - Begründung, Themenfelder und Ziele.

Kowarik, I., Heink, U., Saure, C., & Markstein, B. (2005). Biotopverbund gem. § 3 BNatSchG im Land Berlin, Anwendung der Standardkriterienliste, Auswahl relevanter Zielarten für den Biotopverbund, Bericht für die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin.

Scheuchl, Erwin, & Willner, Wolfgang (2016): Taschenlexikon der Wildbienen Mittereuropas: Alle Arten im Porträt; Quelle & Meyer Verlag GmbH & Co; Wiebelsheim.

Berliner Biotopverbund-Zielart: Die Östliche Felsen-Mauerbiene

Berliner Biotopverbund-Zielart: Die Östliche Felsen-Mauerbiene (Osmia mustelina)

Truppenübungsplätze sind ideale Nisthabitate und Rückzugsräume für bedrohte Arten

Diese früh fliegende Baumeisterin ist in Frankreich, Italien, Kreta bis nach Israel, Mittel- und Osteuropa, sowie Kleinasien und bis Iran beheimatet. In Deutschland findet man sie in den Bundesländern Berlin, Brandenburg, Baden-Württemberg und Bayern. Im Berliner Raum sind aktuelle Populationen für den Biesenhorster Sand (Biesdorf-Süd), ehemaligen Flughafen Johannistal, Tempelhof, Botanischer Garten Dahlem und dem ehemaligen Truppenübungsplatz Lichterfelde bekannt.

Die bis zu 14mm große Mauerbienen sind zottig gelbbraun behaart, mit schwach grünlich glänzendem Hinterleib und besitzen als Bauchsammlerin eine orangerote Bauchbürste. Ihr Hinterleibsende ist schwarz behaart und erinnert an die Schwanzspitze eines Wiesels, worauf sich die deutsche Namensgebung  “Maderartige Mauerbiene“ bezieht. 

Auch Altnester werden gern als Nistplätze angenommen

Ihren Lebensraum findet sie an trockenwarmen Standorten wie Felssteppen, Abwitterungshalden, Trockenrasen, Ruderalflächen, alte Kiesgruben oder Steinbrüchen. Aber auch in strukturreichen Gärten und Parks kann man diese Frühjahrsbotin antreffen. Sie fliegt in einer Generation (univoltin) von März bis in den August hinein. Ihre Nistplätze findet sie in Hohlräumen von Trockenmauern, löchrigen Betonpfosten, Mauerfugen oder seltener in Pflanzenstängeln oder Altnestern von Gattungsverwandten. Als Baumaterial nutzt sie zerkaute Blattstückchen. Ihre Nistweise ist zwar in der Regel solitär, aber nicht selten auch kommunal, was ein Zusammenleben von zwei oder mehreren Weibchen bezeichnet. Dabei bauen die Weibchen ihre eigenen Brutkammern, verproviantieren diese und legen ihre Eier ab. Dennoch nutzen sie einen gemeinsamen Nesteingang.

Blühangebot und Standortbedingungen sind entscheidend: Hier der Gewöhnliche Natternkopf (Echium vulgare) in trockenwarmer Offenlandschaft

Nach aktuellem Wissenstand ernährt sich die Östliche Felsen-Mauerbiene polylektisch, also von mehreren Pflanzenfamilien. Nachgewiesen sind die fünf Pflanzenfamilien Rauhblattgewächse (Boraginaceae), Cistrosengewächse (Cistaceae), Schmetterlingsblütler (Fabaceae), Lippenblütler (Lamiaceae) und Mohngewächse (Papaveraceae).

Den parasitierenden Kuckucksbienen Fränkische Düsterbiene (Stelis franconica) und Schwarzflüglige Düsterbiene(Stelis phaeoptera), Goldwespen der Gattung Chrysis und der Erzwespe Leucopsis intermedia dient sie als Wirt. 

Kleine Strukturen wie Trockenmauern und Totholzhaufen sind unverzichtbare Nistplätze

Eine weitere schwerwiegende Gefährdung in Berlin ist die Bebauung von Brachflächen und Wiederinbetriebnahmen von Bahngleisen. Die Östliche Felsen-Mauerbiene ist als Berliner Biotopverbund-Zielart ausgewählt worden, weil sie repräsentativ für zahlreiche weitere Hautflügler unter dem Verlust von Nahrungs- und Nisthabitaten leidet. Viele andere Gattungen wie Wollbienen (Anthidium), Blattschneiderbienen (Megachile) und Maskenbienen (Hylaeus) sind ebenfalls auf Nistplätze in Trockenmauern und ähnlichen Hohlräumen angewiesen.

Literatur

Amiet, Felix & Krebs, Albert (2012): Bienen Mitteleuropas – Gattungen, Lebensweise, Beobachtung, Haupt Verlag, Bern, Stuttgart, Wien

Bellmann, H., & Helb, M. (2017). Bienen, Wespen, Ameisen. Kosmos - Naturführer, Stuttgart.

Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz (2012): Berlins Biologische Vielfalt, Berliner Strategie zur Biologischen Vielfalt - Begründung, Themenfelder und Ziele.

Kowarik, I., Heink, U., Saure, C., & Markstein, B. (2005). Biotopverbund gem. § 3 BNatSchG im Land Berlin, Anwendung der Standardkriterienliste, Auswahl relevanter Zielarten für den Biotopverbund, Bericht für die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin.

Scheuchl, Erwin, & Willner, Wolfgang (2016): Taschenlexikon der Wildbienen Mittereuropas: Alle Arten im Porträt; Quelle & Meyer Verlag GmbH & Co; Wiebelsheim.

Fazit

Die „Berliner Strategie zur Biologischen Vielfalt“ zeigt wie groß der Handlungsbedarf zum Erhalt und Förderung der heimischen Flora, Fauna und Habitate ist. Das Festlegen von gemeinsamen übergeordneten Zielen kann aber nur ein erster Schritt sein. Konkrete Einzelprojekte und Artenschutzmaßnahmen sind es, die den Appell annehmen und aktiv mitgestalten müssen. Breite öffentliche Debatten und Engagement, stadtplanerische Internalisierung der Lebensraumansprüche der Pflanz-und Tierwelt und echter Wille der Entscheidungsträger sind Grundvoraussetzung um auch unseren nachfolgenden Generationen eine Teilhabe an der Faszination Artenvielfalt zu ermöglichen.

Literatur zu Strategien der Nachhaltigkeit

Kontakt

Dr. Corinna Hölzer & Cornelis Hemmer
Stiftung für Mensch und Umwelt
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Tel.: +49 30 394064-310